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Mittags im September

Mittags Zahnarzttermin. Dem Rettungswagen vor dem Haus schenkte ich keine Beachtung. Die Praxistür war angelehnt. Ich öffnete sie und sah eine alte Frau reglos im Flur liegen, bis über den Kopf zugedeckt von einem weißen Laken. In ihrem linken Arm steckte eine Infusionsnadel, daneben Blut. “Haben Sie einen Termin?”, fragte ein junger Rettungssanitäter. Ich bejahte. “Gehen Sie mal lieber raus”, erwiderte er schief grinsend. Eine der Helferinnen kam zu mir heraus, ziemlich aufgelöst. Sie erzählte, dass die Frau vor einer Dreiviertelstunde in die Praxis gekommen war, stark aus der Nase blutend, und zusammenbrach. Sie hätten sie in die stabile Seitenlage gebracht, aber schließlich starb sie. Keiner wusste, wer sie war. Die Kriminalpolizei war unterwegs. Ob sie sehr rot sei, fragte mich die Helferin — nur ein bisschen, antwortete ich. Sie war sonst immer auf eine mütterliche Art einfühlsam und ruhig, sprach mit einem leicht osteuropäischen Akzent. “Haben Sie schon einmal jemanden sterben sehen?” — “Nein.” — “Da haben Sie nichts verpasst.” Die Ärztin kam hinzu, verabredete einen Termin mit mir für morgen Nachmittag. Sie müssten heute alle Patienten nach Hause schicken, sagte sie und verschwand wieder in der Praxis. Die Helferin wies sie auf die Flecken an der Tür hin; die Ärztin trug keine Handschuhe. Sie erzählte von dem Blut, das aus der Nase der Frau gekommen war, ganz dick, wie Gelee. Ich strich ihr tröstend über den Arm und verabschiedete mich. Draußen rauchte eine andere Helferin. Ein Notarztauto war hinzugekommen, eine Polizistin lief herum. Ich machte ein paar Einkäufe. Beim Herauskommen konnte ich mich nicht mehr erinnern, wo ich das Fahrrad abgestellt hatte. Das Blut an der Tür war mir zuerst gar nicht aufgefallen. Zuhause wischte ich alles mit Desinfektionsmittel ab, was ich angefasst hatte.

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