more

Kühe melken, die es nicht gibt

Ich las es zuerst auf T3N. Ein paar Rumänen sollen sich mit Farmville-Kühen eine halbe Million Euro Landwirtschaftssubventionen ergaunert haben.

Lustig, aber auch sonderbar. Was nützen mir Farmville-Kühe beim Subventionsbetrug? Klingt extrem unglaubwürdig. T3N hat die Quelle verlinkt, und die wollte ich mir ansehen. Es war ein Blog des Bayerischen Rundfunks. Der — ich nenne ihn mal so — Journalist, der diesen Beitrag verfasst hatte, wollte sich aber offenbar nicht die Mühe machen, irgendwelche Quellen zu verlinken. [Nachtrag: Inzwischen verlinkt dieser Beitrag mehrere Quellen.] Sackgasse.

Inzwischen hätte ich meinen Vorgarten darauf verwettet, dass das ein Fake war, vielleicht eine Art Aprilscherz. Ich postete das auf Twitter und Facebook.

Inzwischen trudelten in meiner Timeline immer mehr Versionen dieses Kuhhandels ein. Huffington Post, Shortnews und andere Medien, die nicht gerade für ihre Recherchequalität bekannt sind, holten sich ihre billigen Klicks damit. Auch internationale Quellen brachten sie. Hie und da dichtete man Neues hinzu — zum Beispiel die angebliche Rechtfertigung der Rumänen, sie hätten nicht gewusst, dass die Kühe echt sein müssten.

Ex-Kollege Nico Jurran fand das entscheidende Glied in der Geschichte: Eine rumänische Website hatte vor zwei Tagen über einen gewöhnlichen Subventionsbetrug berichtet und die Story mit einem Witz über Farmville aufgemacht. Noch am gleichen Tag griff Softpedia die Geschichte auf, wo man den Farmville-Gag weiterspann — so dass der Bericht formal richtig, aber für die schlichten Gemüter unterbezahlter Online-Abschreiber offenbar zu verwirrend geworden war.

Der Journalist Torsten Kleinz fand schließlich eine der ursprünglichen Quellen: einen ganz normalen, bereits eineinhalb Wochen alten Zeitungsbericht über einen ganz normalen Betrugsfall, der sich über drei Jahre hinzog und irgendwo zwischen Bukarest und dem Schwarzen Meer passiert ist. Und nirgends die Rede von Farmville.


Warum ist das interessant? Erst zwei Tage zuvor unterhielt ich mich mit Torsten Kleinz über die Auseinandersetzung eines Mannes mit einer hypernervösen Frau an Bord eines Flugzeugs, die Ersterer live twitterte. Die Geschichte machte eine große Welle — und war von vorne bis hinten erfunden. Offenbar hatte niemand das Bedürfnis, nachzuhaken.

Wahrheit spielt keine Rolle mehr. Journalismus im engeren Sinn (also nicht nur Meldungen abschreiben und mit eigenen Erfindungen aufpeppen) ist wesentlich unpopulärer als gut ausgedachte Inszenierungen. Ja, das war schon immer so, aber der Medienwandel scheint das stark voranzutreiben. Was interessieren mich sonst rumänische Rinderbauern?

Scheiß auf Journalismus, scheiß auf die Wahrheit. Was zählt, sind Klicks und Lulz.

Kommentare

  1. Nils

    Es ist wahrlich täglich zu beobachten, wie auf der Jagd nach Klicks die Qualität des Journalismus auf der Strecke bleibt. Viele Seiten, auf denen ich mich früher informiert habe, meide ich inzwischen, wie der Teufel das Weihwasser. Auch habe ich mich für Paid-Content entschieden, da ich mir erhoffe, durch meine Gegenleistung ein wenig Qualität erhalten zu können und im Ozean der Trash-Nachrichten doch noch eine Insel der Information zu finden. Ich denke, wenn der Mensch festgestellt hat, dass Geiz niemals geil sein kann und jede Recherche Kosten verursacht, kann man auch wieder auf Qualitätsjournalismus hoffen. :-) Bis dahin wächst halt die persönliche Blacklist kontinuierlich weiter.

  2. Allan

    Wenn das Ganze nicht so traurig wäre könnte es auch als schlechter Witz durchgehen, der nebenbei auch noch die Klischees von Stammtischen und rechten Propagandisten, hinsichtlich des vermeintlich fehlenden Rechtsempfinden von Südosteuropäern zementiert und die Vorurteile gegenüber Subventionen an Landwirte. Danke für die Recherche.

  3. Marton

    Schönes Blog, ürigens, gratuliere… Die geschichte ist geil. Kennst du Bildblog.de??
    Wir bekommen langsam einen 8. oder 11. Sinn… für die Hoaxes…für den endlosen Mistfluss im Weben.

    Ich sage nur:

    Jour different
    Meme shit.

    Best

Die Frist für Kommentare zu diesem Artikel ist abgelaufen.