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Buchstabentexte: F wie Familie

Mit Freunden habe ich verabredet, dass wir alle bei jedem Zusammentreffen einen Text zu einem zufällig ausgewählten Buchstaben schreiben. Hier Teil eins einer Serie, die hoffentlich zwei oder mehr Teile haben wird.

Familie

Es hat mich selbst ein wenig überrascht, dass ich dieses Wort gewählt habe. Gäbe es doch so viele andere, von denen ich erwartet hätte, dass ich sie interessanter fände: Frauen zum Beispiel, und natürlich ficken. Fehler und Frust, die auf ungeliebte Teile meines Charakters verweisen. Film, mit dem ich groß geworden bin, weil mein Vater im Kino gearbeitet hat. Freunde, die eher gehen als kommen. Und natürlich das Feigenblatt.

Aber zum Begriff Familie hatte ich als Erstes ein Gefühl, ein Bild; eines, das sehr alt ist, mir aber erst während der letzten Jahre als eines bewusst geworden ist, das mich mit Wärme und Stolz erfüllt. Es sind Menschen, die in einem kleinen Zimmer laut durcheinanderreden. Das Zimmer ist die Hälfte der Wohnung meiner Großeltern in einem uralten, seltsam verwinkelten Haus.

Die Menschen darin sind mein Vater mit seinem kaputten Schneidezahn, wie er mit seiner Mutter redet, einer kleinen Frau mit hoher Stimme, naiv und gutmütig, ständig zugange um den alten Kohleherd; eine Frau, bei der man erschrak, wenn sie einmal keine Kittelschürze trug. Dazwischen lachte Tante Gina laut und dreckig, eine schöne Frau mit kurzen Haaren. Onkel Helmut sah aus wie ein Mafia-Killer und gab so fürchterlich an, dass es mir schon als Kind auffiel. Dann noch Bobby und Renate. Tante Maria, Onkel Hans, Kurt. Meine Mutter, als sie noch lebte. Die Szenerie beherrschte mein Großvater, ein kleiner, dürrer Mann in grauen Hosen und Strickweste mit schlecht sitzendem Gebiss, die Schläfen eingefallen; in der gelbbraunen Haut mischten sich dunkler Teint und jahrzentelange Nikotinablagerungen.

Ich war das einzige Kind, denn die Generation meiner Eltern war nicht so vermehrungsfreudig wie die meiner Großeltern (oder erst recht die davor) — zehn Jahre vor und nach mir kam nichts. Ich tat, was Kinder bei solchen Gelegenheiten tun: mich langweilen. Ich las, spielte mit Plastik-Zirkustieren, wartete, dass wir endlich nach Hause konnten — was auch immer ich mir von diesem trostlosen Ort erwartete. Ich war ein dickes, introvertiertes Kind, ein Brillenträger, der erste von uns, der aufs Gymnasium kam.

Ein Jahrzehnt später verließ ich zusammen mit meinem Vater und seiner neuen Frau ohne großes Bedauern meine Geburtsstadt. Mein Großvater, der strenge Kopf dieses Haufens, war längst an seinen Zigaretten gestorben. Ich wollte der Welt zeigen, was ich konnte, aber ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich das anstellen sollte. (Das geht mir heute noch manchmal so.) Dann ließ ich auch den Rest meiner Familie hinter mir, um es alleine zu schaffen.

Ich brauchte lange, um mir einzugestehen, wie sehr mir die unverbindliche Lebendigkeit, das vielstimmige Geplapper fehlen. Schmutz, Durcheinander, Enge, idiotische Debatten und Gelächter liegen mir mindestens so nahe wie die einsamen Kopfreisen, mit denen ich den größten Teil meines Lebens zubringe, der ewigen Suche nach Wissen und Verstehen, der Bewunderung von Logik und Stil.

Im Haus meines Vaters ist dank meiner drei Halbgeschwister wieder so ein kleines Paradies des lärmenden Chaos entstanden. Ich hoffe, es bleibt noch eine Weile erhalten.

Wenn ich darüber nachdenke, kommen mir die Menschen, über die ich geschrieben habe, wie Kinder vor. Ich mag Kinder, und ich möchte etwas von dem, was für mich Familie bedeutet, weitergeben und weiterleben. Ich mag Leben. Stille und Verbindlichkeit — vor denen fürchte ich mich.

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